Andacht
 
 
Liebe Leserin, lieber Leser,
nach den täglichen Andachten im Frühjahr veröffentlichen wir nun im Kirchenkreis jede Woche eine Andacht. Mal nachdenklich, frech, besinnlich...
Wir wünschen Ihnen /Dir
Eine gesegnete Zeit!
 
Wiebke und Thomas Perzul
 
 
 
 
 
 
So eine Zumutung! -
von den Herausforderungen des Miteinanders
 
Kennen Sie das auch: Angegriffen zu werden aus heiterem Himmel. Noch dazu vor vielen Ohren. Zuerst wundert man sich. Das kann doch nicht wahr sein. Ich höre wohl nicht richtig. Zu merken, dass es doch wahr ist und dann zu spüren, wie der Blutdruck steigt, das Gesicht sich rötet, der Puls sich erhöht, die Atmung sich beschleunigt. Die eigenen Gedanken in Unruhe und Unordnung geraten, so dass einem nicht das richtige Wort einfällt, um dem Gesagten direkt und treffsicher zu begegnen.
 
Augenblicke später hört man sich sprechen und ärgert sich zugleich über das, was die eigenen Lippen da hervorbringen. Unsachlich und nicht so richtig treffend. Knapp daneben ist auch vorbei. Dann der entwürdigende Rückzug: Marke „Beleidigte Leberwurst“. Und das ungesunde Wissen darum, dass einen der Ärger über das Geschehen noch Tage oder Wochen begleiten wird. Vor allem, weil es keine Möglichkeit gibt, das erlittene und empfundene Unrecht und die mutmaßlich vielleicht sogar berechnend zugefügte Verletzung heimzahlen zu können.
 
Und dann sitzt man in seinem stillen Kämmerlein und soll für den Sonntag feine Worte finden. Aber die finden zuerst einmal einen selbst:
„Vergeltet Böses nicht mit Bösem“, muss ich da im Predigttext für den 05.07. lesen, und:
„Habt den anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn.
Lebt mit allen Menschen in Frieden –
soweit das möglich ist und es an euch liegt.“
 
Na, jedenfalls gibt es eine Hintertür: „soweit das möglich ist und es an euch liegt“. Aber das steht ja alles unter dem Grundsatz, Böses nicht mit Bösem zu vergelten. Mist. Die Tür ist zu.
 
Gott mutet uns was zu. Vergeben zu können, ist so eine Zumutung Gottes. Oder ist das ein Zuspruch? Weil Gott es uns zutraut, einander vergeben zu können?
 
Gott hat Zutrauen zu uns. Auch, einander zu vergeben und neu miteinander anzufangen. Und das nicht ohne Grund. Denn er selber befähigt uns dazu, indem er den Grund legt, der uns Halt und Haltung geben will: Seine Liebe.
 
Das klingt abstrakt. Und manchmal fühlt es sich auch so an. Da kann ich mir das nur sagen: Dass ich von Gottes Liebe gehalten bin. Genauso wie der Mensch, der mir das Leben momentan nicht gerade einfach macht. Wir beide stehen auf demselben Grund. Die Basis stimmt. Daran kann ich mich erinnern. Darauf kann ich schauen. Mich selber nötigen, das zu sehen: wie ich gemeinsam mit dem anderen in Gottes Hand aufgehoben bin.
 
Das hebt den Ärger nicht auf. Auch die Verletzung ist nicht sofort weg. Und die Wut und Scham auch nicht. Auch die Wallungen im Gedärm sind nicht verpufft. Und das stille Grollen im Hinterkopf auch nicht. Und doch beginnt sich, etwas zu bewegen.
 
Mitunter hebt einen das dann doch über sich hinaus. Bis hin zu der Basis, auf die ich schon gehoben bin. Ich darf über mich hinaus wachsen. Dahin, wo ich seit meiner Taufe ohnehin schon stehe: In Gottes Liebe, die mir letztlich helfen kann, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen. Wenn nicht jetzt, dann beim nächsten Mal. Denn Gott traut mir das zu:
„Habt den anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn.
Lebt mit allen Menschen in Frieden –  soweit das möglich ist und es an euch liegt.“
 
Das zu können und aktiv zu leben,
wünscht Ihnen und sich
Stephan Bohlen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
„Lobe den Herrn, meine Kehle!“
 
„Lobe den Herrn, meine Kehle!“ Nein, das ist kein Verschreiber, das ist die tatsächliche Übersetzung des bekannten Psalmverses „Lobe den Herrn, meine Seele!“ Psalm 103 und 104 beginnen so. „Näfäsch“ ist zuerst einmal das hebräische Wort für „Kehle“, welches in Psalm 103 und 104 mit „Seele“ übersetzt wird. Im altorientalischen Denken ist mit dem Organ immer auch zugleich seine Funktion verbunden. Die näfäsch steht für den bedürftigen und begehrenden Menschen. Angst schnürt uns die Kehle zu, Freude lässt uns in der Kehle jubeln. Die näfäsch kommt als grundlegende Lebenskraft im Atem.
 
Atmen.
 
„Ich brauch frische Luft, damit ich wieder bisschen atmen kann“, singt Wincent Weiss in seinem Lied „Frische Luft“.
 
„Ich kann nicht atmen“, hauchte George Floyd, als ihm ein Polizist mit seinem Knie die Kehle abdrückte.
 
„Ich krieg hier keine Luft!“, das sagen oder fühlen wir manchmal unter Menschen, wenn die Atmosphäre unerträglich oder vergiftet ist.
 
Wenn wir aufgeregt sind, atmen wir schneller. Sind wir entspannt, atmen wir langsamer.
 
Viele Menschen sind krank und haben Probleme mit einem richtig guten Atmen. Sie wissen, wie unendlich wertvoll ein einziger gesunder, wohltuender Atemzug ist.
 
Manchmal gerät unser Leben aus dem Takt, wir sind nervös, verängstigt, gestresst, und wir werden krank. Da kann es helfen, ganz bewusst zu atmen. Unser Atmen können wir beeinflussen. Das hilft uns ruhig zu werden, zu entspannen, wieder in Gleichklang zu kommen, egal, welche Stürme auch toben in unserem Leben. „Qigong“ ist so eine bewusste Atemmeditation in Verbindung mit langsamen Körperbewegungen, die uns hilft, wieder ins Lot zu kommen, wieder ruhig und gelassen zu werden. Und frei. Und heiler.
 
Atmen.
 
Der erste Schrei eines Babys nach der Geburt lässt uns wissen: Das Baby hat gelernt selbständig zu atmen. Was für eine Erleichterung! Was für eine Glück und eine Freude!
 
Wir können auf vieles lange verzichten, aber auf das Atmen nur wenige Sekunden bis Minuten.
 
Wir atmen von unserer ersten Stunde bis zur letzten. Erwachsene Menschen atmen ungefähr 12-18 Mal die Minute, Kinder etwas mehr. Wir atmen ungefähr 720 Mal in der Stunde. 17.280 Mal an einem Tag. 6.307.200 Mal in einem Jahr. Und wenn wir 78 Jahre alt sind, haben wir ungefähr eine halbe Milliarde Mal geatmet. Bis wir unseren letzten Atemzug machen, unser Leben aushauchen.
 
Atmen.
 
Nicht atmen können – das haben viele erlebt, die an Covid-19 erkrankten und deren Lungen so befallen waren, dass sie künstlich beatmet werden mussten und die glückselig davon berichteten, wie wunderbar es war, nach der Genesung wieder selbständig und in vollen Zügen atmen zu können. Manchmal sehe ich in diesen Tagen, wie Menschen ihren Mund- und Nasenschutz kurz herunternehmen, einfach um Mal richtig Luft zu holen, die unter den stickigen Masken oft zu knapp wird. Wir haben Bilder vor Augen, wie in Experimenten die Verbreitung unserer Atemluft sichtbar gemacht wird. Wegen der Corona-Pandemie und der Verbreitung der Viren durch Aerosole.
 
Atmen.
 
Der Franziskaner Richard Rohr sagt, dass wir mit jedem Atemzug den hebräischen Namen Gottes -  den die Juden nicht aussprechen, weil er so heilig ist - atmen. Jahwe. Wir schließen weder die Lippen noch benutzen wir unsere Zunge, wenn wir diesen Namen sprechen wollen. Damit ähnele der Name Gottes dem Geräusch unseres Ein- und Ausatmens. So spreche ich im Grunde mit jedem Atemzug den Namen Gottes, oder anders gesagt:
 
Ich atme den Namen Gottes. Ich atme den Namen dessen, der mir das Leben eingehaucht hat und durch den ich leben und atmen kann. Mit jedem Atemzug. Ich atme den Namen Gottes mit meinem ersten und mit meinem letzten Atemzug. Ich atme, ich hauche ihn mein ganzes Leben lang.
 
Ich wünsche Ihnen, dass ihr Atmen ihnen hilft heil zu werden oder zu bleiben!
 
Ihre Pfarrerin Heike-Regine Albrecht
Kirchengemeinde Elisabethfehn